Über uns, Interview

Studieren mit besonderen Bedürfnissen

Samu, Gründungsmitglied und erster Workshopleiter von Blinc, hat sich Zeit genommen und ein kleines Interview zum Thema Studium und Sehbehinderung gegeben. Hier könnt ihr jetzt lesen, welche Herausforderungen sozialer, organisatorischer und inhaltlicher Natur sein Studium für ihn bereithält.

Zwei Studierende, mit offenen Laptops am Tisch. Machen sich Notizen auf Papier.

Wie bist du auf die Wirtschaftswissenschaften gekommen?

Das erste Mal bin ich in der 10. Klasse in Kontakt mit dem Thema Wirtschaft gekommen, das war ein Jahr nachdem meine Krankheit ausgebrochen ist. Damals habe ich anstatt beispielsweise den Schulzweig Erziehungswissenschaften zu wählen den Zweig Wirtschaft eingeschlagen. Meine Leistungskurse waren auch BWL (Betriebswirtschaftslehre) und Mathematik.

Wie lief deine Immatrikulation ab? Wo musstest du deine besonderen Bedürfnisse anmelden?

Die lief wie bei jedem anderen auch ab, weil ich keinen Härtefallantrag gestellt habe. Der ist für Menschen gedacht, deren Schnitt schlechter ist als der NC und die kein Wartesemester wegen einer progressiven Erkrankung machen dürfen. Hinterher bin ich zum BZI gegangen, dem Beratungszentrum zur Inklusion Behinderter, das es an jeder größeren Universität gibt, um mich zu informieren, wie ich unterstützt werden kann.

Welche zusätzlichen Einführungen hattest du?

Allem voran wurde ich hinsichtlich rechtlichen Themen beraten, was steht mir zu und wie beantrage ich Hilfsmittel, aber ich kann auch eine ständige Beratung in Anspruch nehmen, die sowohl mit den Dozenten als auch mit dem Prüfungsamt in gutem Kontakt steht. Außerdem gibt es besondere Software in eigens eingerichteten Räumen, die mich unterstützen.

Gab es besondere Ansprechpartner?

Ja, das BZI, die allgemeine Studienberatung und das Prüfungsamt.

Welche Regeln gelten für dich, aber Normalsichtigestudenten nicht und umgekehrt?

Mein ganzes System ist anders, besonders Lernen und Orientieren. Ich musste meine eigenen Lernkonzepte entwickeln nach dem Trial-and-Error-Prinzip, aber ich bekomme trotzdem Zeitzuschläge bei Klausuren und technische Geräte bereitgestellt. Man muss sich einfach durchsetzen.

Was sind und wie funktionieren Nachteilsausgleiche?

Das sind Sonderregelungen für Personen, die nicht dem normalen Studienverlaufsplan folgen können, auf Grund körperlicher oder psychischer Einschränkungen, wie Depression.

Ich habe definitiv weniger Zeit zum Lernen. Während die anderen schon in der Lerngruppe sitzen bin ich noch dabei das Material zu sichten und aufzubereiten. Da muss ich dann individuell mit den Dozenten verhandeln.

Lohnt sich der Mehraufwand für dich?

Ja, es lohnt sich. Man muss nur wissen, wie. Der Wert des Studiums muss größer sein als die Probleme des Aufwands, aber das wird in meinem Leben immer so sein und wenn ich richtig damit umgehe, ziehe auch ich großen Nutzen daraus.

Fühlst du dich integriert?

Schon. Nicht absolut, das ist ein gesellschaftlicher Prozess. Hier in der nördlichen EU liegen wir auf jeden Fall weit vorne.

Was stört dich am Umgang anderer mit deiner Behinderung?

Da ich mich nicht als sehbehindert markiere, kommt es oft zu komischen Bemerkungen, zum Beispiel wenn ich den Busfahrer nach der Liniennummer frage. Im Allgemeinen habe ich nicht besonders schlechte Erfahrungen gemacht, 99,9% waren gut. Da kann ich ein großes Lob an die Gesellschaft geben.

Was erwartet dich nach dem Studium an außergewöhnlichen Schwierigkeiten?

Das weiß man nie genau, aber wenn man sich gut vorbereitet, dann werden aufkommende Probleme immer kleiner bleiben, als sie sein könnten. Die Zukunft im Auge zu behalten und einige Eventualitäten zu erfassen, schadet nicht.

Was möchtest du noch sagen?

Viele Menschen nehmen uns Sehbehinderte nicht wahr, weil wir ungekennzeichnet unter dem Radar laufen, das ist noch nicht optimal, da muss mehr passieren. Ein paar mehr offene Augen und Ohren für die Schwächeren der Gesellschaft wären gut.

Offensichtlich haben Sehbehinderte und Blinde viel Unterstützung im Studium, darin liegen wenig Problematiken, doch was das System und die Gesellschaft angeht, besteht noch viel Potenzial zur Verbesserung und auch ein gewisser Drang dazu. Blinc arbeitet genau daran mit viel Eifer und Begeisterung. Trägst Du schon etwas dazu bei?

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